Das Lauterbacher Musikleben um die Jahrhundertwende

Man befand sich in Lauterbach auf der Höhe der Zeit, als 1886 aus den Reihen des Vogelsberger Höhenclubs (VHC) der Lauterbacher Musikverein hervorging. Als sich im Zuge der Reformpädagogik um die Jahrhundertwende der Jugendmusikgedanke entwickelte, auf dem wiederum die ersten so genannten Jugend- und Volksmusikschulen gründeten, geschah dies ebenfalls auf dem Nährboden einer Natur- und Wanderbewegung, der so genannten Wandervogelbewegung. Hier wie da ging es nicht um eine klassische  musikalische Bildung, sondern um eine in erster Linie sinnliche Musikwahrnehmung und ein aktives Musizieren. Im Jahr 1886 engagierte der neu gegründete Lauterbacher Musikverein den Stadtmusikus Reinhard Stumpf, um seine Mitglieder im Musizieren zu unterweisen. Man schaffte zu diesem
Zweck eigens Instrumente an. Der Lauterbacher Musikverein sollte den VHC dann auf seinen Wanderungen begleiten. Reinhard Stumpf prägte das Lauterbacher Musikleben in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts nachhaltig. Er leitete nicht nur eine Musikkappelle, die bei Schützenfesten und ab den achtziger Jahren beim neu eingerichteten Hainigfest aufspielte,
sondern er gilt bisweilen auch als Komponist des „Lauterbacher Walzers“, dessen eigentliche Herkunft jedoch bis heute unklar geblieben ist. Bis 1882 war der Stadtmusikus Stumpf auch zur aktiven Turmwache verpflichtet, eine Verbindung von Aufgaben, die mit dem sonntäglichen Turmblasen bis heute ihre Spuren hinterlassen hat.
Es ist heute kaum vorstellbar, welchen Stellenwert diese „Alltagsmusik“ vor weniger als hundert Jahren gespielt haben muss, als es noch nicht möglich war Klänge technisch zu konservieren und zu reproduzieren und damit Musik jeglicher Art für jeden immer und überall hörbar zu machen.
Das Leben der meisten Menschen, insbesondere auf dem Land, war in musikalischer Hinsicht von der Stille geprägt. Konzerte waren hier ebenso rar wie heute. So schreibt der Lauterbacher Anzeiger am 27. Februar 1878: „Das winterliche unterhaltende Leben in einem Kreis- oder Landstädtchen
verglichen mit dem einer Residenz- oder Großstadt, ergibt ungefähr einen Unterschied wie Tag und Nacht“1. Wen wundert es, dass sich in der Stille dieses Alltags Gesang- und Musikvereine eines regen Zulaufs erfreuten. Am 2. April 1932 erschien im Lauterbacher Anzeiger folgende Anzeige:

Musikschule Glitsch, Lauterbach – H.
Eröffne ab 15. April eine Musikschule im Kasino und erteile Unterricht in
VIOLINE für Anfänger und Fortgeschrittene, ferner in Klavier, Violoncello, Oboe, Saxophon, Elementartheorie und Harmonielehre, außerdem eine Orchesterschule zur weiteren Ausbildung im Orchesterspiel. – Erstklassige Ausbildung wird gewährleistet. Prüfungen finden statt.
Heinrich Glitsch
staatlich geprüfter Musiklehrer
Kapell- und Chormeister
Abgeschlossenes Musikstudium:
Dr. Hochs Conservatorium Frankfurt a.M. I Violine: Prof. Bassermann, Konzertmeister H. Kraus der Frankfurter Oper
Musikakademie in Darmstadt bei Andreasson / Mitgl. des Busch-Quartetts.
In theoretischen Fächern: Dr. Bodo Wolf, Komponist
Anmeldung und Anfragen an Musikschule im Casinogebäude und Grebenhain/Oberhessen
Sprechstunde jeden Dienstag von 10-12 Uhr vorm. und 2-4 Uhr nachm.

Es hatte sich in Lauterbach offenbar eine Nachfrage nach klassischem Instrumental- und Musikunterricht entwickelt. Ebenfalls im April 1932 hatte das Lyra-Orchester, ein Lauterbacher Kammerorchester seinen ersten Auftritt im Saal Johannesberg. Auch der Lauterbacher Musikverein bildete inzwischen auch ein eigenes größeres Orchester.

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